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Bernd Lucke in einem SEHR ausführlichen Interview

31.07.2014 - Kath-Net, Michael Hageböck

kath.net: Die von Ihnen geführte AfD zieht mit sieben Sitzen in das EU-Parlament ein. Am Wahlabend sagten Sie, die „Alternative für Deutschland“ sei auf dem Weg zur Volkspartei. Wie meinten Sie dies?

Bernd Lucke: Die AfD hat Zuspruch aus allen Schichten

der Gesellschaft und aus einem sehr breiten Spektrum unterschiedlicher politischer Vormeinungen. Das unterscheidet uns von der FDP, die immer eine Klientelpartei war. Wir werden relativ gleichmäßig von Arbeitern und Angestellten, von Beamten und Selbständigen, von Handwerkern und Akademikern gewählt. Das haben wir mit Union, SPD und den Linken gemein, also mit den Parteien, die man üblicherweise als Volksparteien einstuft.


kath.net: Während sich die CDU von ihren Prinzipien entfernte, glauben Sie, Herr Lucke, Christdemokrat geblieben zu sein. Mit welchen Argumenten wollen Sie es schaffen, christdemokratische Stammwähler von der AfD zu überzeugen?

Bernd Lucke: Auch wenn ich persönlich mich als ein von seiner Partei verlassener Christdemokrat fühle, geht es uns als Partei nicht nur um christdemokratische Stammwähler, sondern um alle Wähler, die eine wertorientierte Politik vermissen. Viele unserer Mitglieder und Wähler kommen gerade deshalb zu uns, weil sie der Auffassung sind, dass die etablierten Parteien beliebig geworden sind – sie ändern ihre Positionen, wie es gerade Mode ist und wie man die meisten Wählerstimmen zu bekommen erhofft.

Wir hingegen werden uns nicht verbiegen – auf die Gefahr hin, dass manche Wähler uns dann eben nicht wählen. Wir setzen uns für das ein, was wir für wertvoll halten: Demokratie und Rechtsstaat sind fundamentale Werte – deshalb sind wir dagegen, dass im Zuge der Eurorettung Verträge gebrochen und Parlamente unter Druck gesetzt worden sind. Die Sozialpflichtigkeit des Eigentums ist ein wichtiger Wert – wer auf Kosten der Steuerzahler Banken rettet, verkehrt diesen Grundsatz aber in sein Gegenteil. Der Schutz der Familie und das Wohl der Kinder sind uns wichtig – deshalb wollen wir, dass diejenigen gesellschaftliche Anerkennung erfahren, die sich Zeit für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder nehmen. Fleiß und Leistungsbereitschaft erfahren zu wenig Achtung – und daran krankt unser ganzes Bildungswesen. Und wer Einsatzbereitschaft und Verantwortung für wertvoll hält, der wird schnell zu dem Schluss kommen, dass eine militärische oder soziale Dienstpflicht nach der Schule schon deshalb nicht so übel ist, weil die jungen Leute dann lernen, dass man vom Staat nicht immer nur etwas fordern kann, sondern manchmal ihm auch etwas geben muss.


kath.net: Gab es nicht schon vor dem ESM-Vertrag eine berechtigte Kritik am Kurs der Christdemokraten?

Bernd Lucke: Leider viel zu wenig. Helmut Kohl hat die vollmundige Ankündigung einer geistig-moralischen Wende nie eingelöst. Doch kaum jemand hat dieses Manko zum Anlass genommen, ihn dafür zu kritisieren. Dabei hätte man Anfang der 80er Jahre dem schleichenden Werteverfall sicher noch relativ effektiv entgegentreten können.

Was hat Helmut Kohl eigentlich gehindert, eine ordentliche Familienpolitik zu machen? Warum konnte er Schulen und Universitäten nicht zurück zu den Qualitäten führen, die sie vor 1968 hatten? Wie konnte er es zulassen, dass das berechtigte Anliegen des Umweltschutzes eine Symbiose mit linker Ideologie einging, obwohl er eine Partei führte, die sich als bewahrend, als konservativ verstand?

Und unter Frau Merkel wurde es noch schlimmer. Aus wahltaktischen Gründen sozialdemokratisierte sie die Union immer mehr und nur sehr wenige haben dagegen aufbegehrt. Außer Herbert Gruhl in den 70ern und Werner Münch vor einigen Jahren ist kaum ein prominenter Christdemokrat aus Protest aus der CDU ausgetreten.


kath.net: Die Familien-Partei erhielt ebenso wie die ÖDP bei der EU-Wahl einen Sitz. Zählt man christliche und konservative Kleinparteien dazu, gab es rund 700.000 Bundesbürger, die eigentlich die AfD hätten wählen können. Haben Sie dieses Klientel zu wenig bedient?

Bernd Lucke: Gut möglich. Auch wir sind nur Menschen und wir schaffen einfach nicht alles, was sinnvoll wäre. Vergessen Sie nicht, dass wir noch immer weit überwiegend nur von ehrenamtlichem Engagement getragen werden. Übrigens ist die Familienpartei im Europaparlament derselben Fraktion beigetreten wie die AfD und es gibt ein sehr herzliches Verhältnis zwischen Herrn Gehricke, dem Abgeordneten der Familienpartei, und den AfD-Abgeordneten. Wir haben ja auch gar keinen politischen Dissens, nur konzentriert sich die Familienpartei eben auf ein einziges Thema, während wir inhaltlich breit aufgestellt sind.


kath.net: Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD steht: „Wir werden den „Nationalen Aktionsplan der Bundesrepublik Deutschland zur Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und darauf bezogene Intoleranz um das Thema Homo- und Transphobie erweitern.“ Ist Transphobie eine Form von Rechtsextremismus?

Bernd Lucke: Das ist natürlich Unfug. Das ist Teil der Unsitte, alles, was dem eigenen Weltbild missfällt, gleich mit Rechtsextremismus zu assoziieren. So ungefähr, wie man früher jedes alte Weib, das ein bisschen seltsam war, gleich zur Hexe erklärt und entsprechend behandelt hat.


kath.net: Was wollen Sie tun, um die traditionelle Familie künftig wieder konkurrenzfähiger gegenüber alternativen Lebensformen zu machen?

Bernd Lucke: Die traditionelle Familie hat in unserer Gesellschaft mindestens vier Probleme: Das eine ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, seit man unter Beruf nur noch die bezahlten Tätigkeiten außerhalb des eigenen Hauses versteht.

Das zweite ist die schnöde Wahrnehmung, dass Kinder Geld kosten und man vielleicht seinen eigenen Lebensstandard einschränken muss, wenn man Kinder hat.

Das dritte ist die richtige Erkenntnis, dass Eltern ihren Kindern Zeit widmen müssen und Kinder Pflichten mit sich bringen, die die Freiheit der persönlichen Lebensgestaltung einschränken.

Und das vierte ist ein Image-Problem: Dass Mann und Frau heiraten und gemeinsam Kinder aufziehen, ist zwar zum Glück immer noch der Normalfall, gilt aber in manchen tonangebenden Kreisen unserer Gesellschaft, die sich als fortschrittlich verstehen oder auf schickimicki machen, als langweilig, verstaubt, spießig oder uncool.

Und ich glaube, wenn man die traditionelle Familie attraktiver machen will, muss man zuerst an dieses Image-Problem heran, denn je positiver das Image der Familie als Lebensmodell ist, desto größer ist auch die Bereitschaft in den anderen drei Problemfeldern – Karriere, Konsum und individuelle Freiheit – Einschränkungen hinzunehmen.

Und nun ist es doch so, dass Familie etwas wirklich Positives ist: Das Leben eines Ehepaares mit seinen Kindern ist erfüllend, sinnstiftend, beglückend. Viel wäre gewonnen, wenn zumindest die große Mehrheit der Politiker das einfach mal laut und deutlich sagen und es auch vorleben würde.

Aber solche Worte hört man kaum. Statt dessen achten viele Politiker peinlichst auf eine Art Äquidistanz gegenüber allen denkbaren Formen des Zusammenlebens.

Damit Sie mich nicht missverstehen: Man soll andere Formen des Zusammenlebens nicht schlecht reden. Man soll einfach aus Überzeugung positiv über die Familie reden, darüber, dass sie dem Menschen Zufriedenheit, Glück und Erfüllung ermöglicht. Da sollten die Politiker mit gutem Beispiel vorangehen und sie sollten ihren Einfluss nutzen, um auch andere Prominente, die Medien, die Werbung etc. dazu anzuregen, ebenfalls bejahend und positiv zur Familie zu stehen, wenn sie Familie als etwas Wertvolles betrachten.

Es ist meiner Meinung nach nicht so schwer, das Image der Familie zu heben, wenn der Wille dazu da ist. Und begleitend kann und sollte man sich den anderen drei Problemen widmen. Da gibt es eine ganze Klaviatur von sinnvollen Maßnahmen, flexiblere Arbeitszeiten, Teilzeit, Telearbeitsplätze, Betreuungsgeld, steuerliches Familiensplitting, mutternahe Kindbetreuung, Elternzeit, Kindergartenplätze, Baukindergeld oder andere kinderabhängige vermögensbildende Maßnahmen, Weiterbildungsangebote, die zu Hause genutzt werden können, finanzielle Förderung für Mütter und Väter, die beruflich zurückstecken, um sich ihren Kindern widmen zu können.

Man wird nicht alles Wünschbare finanzieren können, aber es gibt sehr unterschiedliche Wünsche und Lebenssituationen der Eltern und deshalb sollte man sicherstellen, dass man die Förderung nicht nur auf ein bestimmtes, angeblich modernes Elternbild verengt.


kath.net: Wie möchte die AfD Frauen unterstützen, die Ihren Beruf darin sehen, für ihre Kinder als Mutter da zu sein?

Bernd Lucke: Da ist zunächst mal die Imagefrage, über die ich ja schon gesprochen habe. Wichtig ist darüber hinaus, dass die familienpolitische Förderung nicht gegen solche Mütter verzerrt ist. Dem grundgesetzlichen Auftrag entspräche es sogar, die Eigenbetreuung durch Mutter oder Vater besonders zu fördern.

Aber heute ist ja das Gegenteil der Fall. Der Staat wendet große Mittel auf, damit Kinder früh in eine Betreuungseinrichtung gebracht werden können und für die Eltern ist das attraktiv, weil sie dann arbeiten und Geld verdienen können. Das Betreuungsgeld, das im Prinzip richtig ist, wirkt dem nur teilweise entgegen, weil die Fremdbetreuung finanziell immer noch deutlich mehr bringt. Man sollte eine echte Wahlfreiheit ermöglichen, bei der die monetäre Leistung des Staates nicht davon abhängt, ob Eltern sich nun für Fremd- oder für Eigenbetreuung entscheiden.

Und das Argument, dass dann sozial schwache Familien ihre Kinder um des Geldes willen bei sich behalten und sie nicht richtig gefördert werden, akzeptiere ich nicht. Das ist gesamtgesellschaftlich betrachtet nur bei einer relativ kleinen Minderheit der Fall und da, wo Eltern ihrem Recht und ihrer Pflicht zur Erziehung wirklich nicht nachkommen, ist das eher eine Aufgabe für gezielte Sozialarbeit, die dann oft auch auf andere drängende Probleme stoßen wird.

Wegen dieser Probleme in speziellen Haushalten sollte man aber nicht Regelungen machen, denen sich alle jungen Familien unterwerfen müssen. Und zudem ist es einfach eine Anmaßung, sozial schwachen Familien pauschal zu unterstellen, dass sie ihre Kinder nicht erziehen können. Ich kenne Kinder türkischer Mütter, die viel besser erzogen sind als manche verwöhnten Blagen aus reichem Haus.


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