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IM GESPRÄCH | JUNGE FREIHEIT Nr. 50 /14

08.12.2014 - 20:30, AfD-OPR

Am 05.12.2014 ist die umbenannte SED - 25 Jahre nach dem Mauerfall - wieder an die Hebel der Macht zurückgekehrt. Mit freundlicher Unterstützung der thüringischen Grünen und SPD als Steigbügelhalter. Alles vergeben und vergessen?

Für die "Junge Freiheit" vom gleichen Tag, hat Moritz

Schwarz mit dem stellv. Vorsitzenden der "Opferverbände ehemals stalinistisch Verfolgter", Hugo Diederich, gesprochen. Nachfolgend, mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Interviewpartners, auszugsweise ein Teil des Interviews.

 

„Wir Opfer können es nicht fassen“

Herr Diederich, warum sitzen Sie derzeit eigentlich nicht in jeder zweiten Talkshow?
Diederich: Eine gute Frage, die ich mir ehrlich gesagt auch stelle.

Würde sich eine ehemals rechtstotalitäre Partei anschicken, eine Landesregierung zu übernehmen, würden aller Erfahrung nach die Medien unermüdlich die ehemaligen Opfer befragen, was sie dabei empfinden.
Diederich: Genau so ist es. Dabei meine ich nicht, daß ich in die Medien müßte, sondern allgemein Vertreter der SED-Opferverbände. Aber wir werden grund­sätzlich nicht ins Fernsehen eingeladen.

Tatsächlich?
Diederich: Ist Ihnen das noch nie auf­gefallen?

Dort sind doch öfter DDR-Opfer zu sehen.
Diederich: Zeitzeugen ja, aber keine Vertreter der Opferverbände.

Warum nicht?
Diederich: Das fragen Sie mal bitte die Verantwortlichen bei den öffentlich­-rechtlichen Sendern.

Sie wissen es nicht?
Diederich: Es gibt keine offizielle Be­gründung. Es wird einfach nicht ge­macht. Gregor Gysi, Sahra Wagen­knecht, Klaus Ernst, Bodo Ramelow – Vertreter der ehemaligen SED erhalten ständig Einladungen, Opfervertreter da­gegen müssen draußen bleiben.

Aber Sie sitzen für die Opferverbände doch zum Beispiel im ZDF- Fernsehrat!
Diederich: Richtig, aber da bin ich ei­ner von 77. Natürlich habe ich dort dar­auf hingewiesen.


„Antikommunismus ebenso ehrenwert wie Antifaschismus“

Welchen Grund vermuten Sie denn?
Diederich: Vermutlich paßt denen unsere Rhetorik nicht.

Inwiefern?
Diederich: Wir nehmen kein Blatt vor den Mund. Wir sind denen wohl zu anti­kommunistisch. Natürlich ist man hier­zulande nicht für den Kommunismus, aber bitte schön auch nicht antikommu­nistisch. Das ist verdächtig. Dabei ist der Antikommunismus ebenso ehrenwert wie der Antifaschismus.

Andere Opferverbände werden doch auch eingeladen.
Diederich: Andere Opferverbände ha­ben auch eine Lobby.

Die DDR-Opfer nicht?
Diederich: Nein. Das sehen Sie doch am Fall Thüringen.

Joachim Gauck ist Bundespräsident.
Diederich: Gauck ist kein DDR-Opfer.

Er hat gerade öffentlich betont, wie vielen Menschen eine Linken-Regierung Unbe­hagen bereiten würde.
Diederich: In seiner Festrede zum Mau­erfall hat Gauck mit keiner Silbe die po­litischen Häftlinge erwähnt. Aus Erfah­rung haben wir das auch nicht erwartet. Getroffen hat es uns dennoch.

Aber ehemalige DDR-Bürgerrechtler gel­ten bei uns doch als moralische Instanzen.
Diederich: Es ist typisch, daß Ihnen beim Stichwort DDR-Opfer als erstes die Bürgerrechtler einfallen. Ich aner­kenne deren Mut, Leistungen und wel­chen Gefahren sie sich ausgesetzt haben. Aber die meisten von ihnen lebten den­noch recht komfortabel zu Hause. Sie saßen nicht wie wir in einem Loch, wur­den nicht geschlagen, gefoltert, mußten keine Zwangsarbeit leisten und wurden auch nicht zum Tode verurteilt oder – an der Grenze – abgeknallt wie die Hasen.

Sie meinen, unsere Fixierung auf die Bür­gerrechtler verstellt die Erinnerung an die große Mehrheit der Häftlinge?
Diederich: Häufig ist das leider so.

Warum?
Diederich: Zum einen saßen die Bür­gerrechtler Ende 1989 an den Runden Tischen im Fokus der Kameras der in­ternationalen Medien, wir dagegen meist noch unsichtbar im Bau. Zum anderen hat das wohl auch mit den Vorlieben unserer Medienschaffenden zu tun.

Inwiefern?
Diederich: Na ja, viele Bürgerrechtler wollten bis zuletzt – manche sogar noch nach dem Ende der DDR – einen ei­genen linken, sozialistischen Staat. Die Häftlinge dagegen wollten immer ein wiedervereinigtes Deutschland.

Sind sie beleidigt, weil Ihnen die entspre­chende Anerkennung vorenthalten wird?
Diederich: Wir sind nicht beleidigt, wir sind verletzt. Wenn es jetzt um Thüringen geht, werden sogar Leute wie Friedrich Schorlemmer, Wolfgang Thierse oder Richard Schröder von den Medien befragt, die nicht einmal Bür­gerrechtler waren, sondern erst kurz vor oder gar nach dem Mauerfall aktiv ge­worden sind, während wir ignoriert wer­den. Es ist wirklich grotesk!

Haben die politischen Häftlinge denn et­was mit dem Mauerfall zu tun?
Diederich: Was für eine Frage! Mit ihrem Widerstand, der sie ins Gefäng­nis gebracht hat, waren die politischen Häftlinge wie kleine Mosaiksteine maß­geblich am Zerfall der DDR-Diktatur beteiligt. Es ist ein fatales Signal, wenn diese Menschen heute nicht in den Mit­telpunkt des Erinnerns gestellt werden. Denn dann heißt die Botschaft: Nicht Widerstand, Mitläufertum lohnt.

 

„Wir fühlen uns von der Gesellschaft alleingelassen“

Wenn sonst keiner fragt, dann hier jetzt die Frage: Was empfinden die Opfer angesichts der Entwicklung in Thüringen?
Diederich: Tja ... welche Worte soll man finden ... Enttäuschung ist noch viel zuwenig. Die meisten Opfer kön­nen es nicht fassen, sie fühlen sich betro­gen, hilflos und zutiefst gedemütigt von dem, was da vor sich geht. Wir fühlen uns alleingelassen von einer Gesellschaft die sich offenbar daran gewöhnt hat, die Linke als normal zu betrachten.

Und das ist sie nicht?
Diederich: Nein, das ist sich nicht! Die Linke ist die Partei von Diktatur, Willkür und Mord. An dieser Partei klebt Blut. Und dieses Blut verschwindet nicht ein­fach, auch nach 25 Jahren nicht. Es ist ein Akt der Entsolidarisierung, daß die Gesellschaft bereit ist, mit jener Partei, die uns drangsaliert und gequält hat, ih­ren Frieden zu machen.

Aber die Mehrheit der Mitglieder der Lin­ken heute war nie Mitglied der SED.
Diederich: Das spielt keine Rolle. Wer jung und links ist, soll sich eine andere Partei suchen und nicht in eine eintre­ten, in der er neben alten Kadern sitzt, die Diktatur und Mord zu verantwor­ten haben! Das ist eine Frage der Moral. Wer ist denn bis heute Ehrenvorsitzen­der dieser Partei? Hans Modrow! Schon vergessen? Aber selbst wenn es nur noch ein einziges altes SED-Mitglied in der Linken gäbe – es ist und bleibt die SED!

Sie meinen SED-Nachfolgepartei.
Diederich: Eben nicht! Es ist die SED! Die SED wurde nie aufgelöst, nur umbe­nannt. Das Gerede von der „SED-Nach­folgepartei“ ist nichts als gewollte oder gedankenlose Geschichtsklitterung, die sich durchsetzt, wenn die Opferverbän­de in der Öffentlichkeit keine Stimme bekommen, um das zurechtzurücken. Das geht bereits so weit, daß man im­mer öfter als politischer Querulant be­trachtet wird, wenn man sich erlaubt, auf dieses Faktum hinzuweisen. Dabei hat die Linkspartei diese Kontinuität sogar juristisch besiegeln lassen, um im Ge­nuß des SED-Vermögens zu bleiben. Der thüringische SPD-Abgeordnete Stefan Sandmann, Kritiker einer Koalition der Linken, fragt völlig zu Recht: „Wo sind denn die Gewinne aus der DDR-Zwangsarbeit, der Zwangsenteignungen und der Flüchtlingsverkäufe geblieben? Auf den Konten der Linken!“

Sandmann organisiert auch die Großdemonstrationen in Erfurt gegen Rot-Rot-Grün. Sind Ihre Leute da auch dabei?
Diederich: Natürlich! Und wir sind sehr froh, daß es auch noch Sozialdemokra­ten gibt, die das historische Bewußtsein nicht verlassen hat. Denn schlimmer als die Linke sind für uns Opfer die Grünen und die SPD in Thüringen, die der Lin­ken den Weg erst freimachen. Von der Linken wissen wir, was wir halten sollen, aber daß Grüne und SPD sich dafür her­geben, ist abstoßend! Und es ist bizarr, denn keine Partei hat unter der SED so gelitten wie die SPD, deren Mitglieder, die sich der Zwangsvereinigung wider­setzt haben, brutal verfolgt wurden. Und was die Grünen angeht: Die sind in den neuen Ländern eigentlich Bündnis ’90, also die Partei der Bürgerrechtler – und ausgerechnet die verhelfen der SED nun zur Macht? Es ist absurd!

Immerhin haben SPD und Grüne der Lin­ken abgerungen, die DDR einen Unrechts­staat zu nennen. Friedrich Schorlemmer meint, „man sollte respektieren, daß das den Linken ziemlich viel zugemutet hat“.
Diederich: In meinen Augen ist diese Erklärung das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt ist. Die Ex-Stasi-Leute und SED-Kader in der Partei schlagen sich doch auf die Schenkel und lachen sich tot über die Naivität der Öffentlichkeit.

Tatsächlich bringen SPD und Grüne mit der Linken auch zwei ehemalige IM – Ina Leukefeld und Frank Kuschel – in die Re­gierungsfraktion. Kritiker fordern eine Di­stanzierung der Partei von solchen Leuten.
Diederich: Es geht nicht um IM oder die Stasi, es geht um die SED. Einer der schlimmsten Mythen ist, nicht die Par­tei, sondern die Staatssicherheit sei der menschenfeindliche Faktor gewesen – entstanden am Ende der DDR durch die Machenschaften der SED-Genossen, die einen Sündenbock suchten. Nein, die SED war das Machtzentrum, sie hat die Entscheidungen getroffen.

Immerhin hat sie 1989 nicht schießen lassen. Legitimiert sie das nicht für eine zweite Chance?
Diederich: Auch diese angebliche hu­mane Einsicht der SED ist ein Mythos. Die SED hat nicht aus menschlichen Skrupeln nicht geschossen, sondern weil sie es sich nicht mehr getraut hat. Weil die Rückendeckung aus Moskau fehlte – das war der Grund! Wären Moskau und Ost-Berlin nicht pleite gewesen, wäre höchstwahrscheinlich sehr wohl geschossen worden. Die Wahrheit ist, die Genossen wußten, daß sie bereits am Ende waren – aber nicht wegen der Bürgerrechtler, sondern wegen der öko­nomischen Lage. Der Zusammenbruch war unabwendbar, und wenn sie jetzt schießen lassen würden, dann wären sie nach dem Ende wirklich dran. Die haben nicht an die Menschen auf den Straßen gedacht, sondern daran, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu bekommen.

Immerhin gilt die DDR heute als „kommode Diktatur“ mit „Samthandschuhen“.
Diederich: Wenn ich so etwas höre, dann denke ich etwa an eine Dame in unserem Verband, die von 1947 bis 1962 in Haft war: Über 15 Jahre weil sie ei­nen englischen Freund hatte! Und die „schönste“ Zeit davon – man glaubt, man hört nicht recht – war die im so­wjetischen Speziallager, wie sie erzählt. Denn da hätte sie sich mit anderen Häft­lingen unterhalten und ab und zu einen grünen Halm sehen dürfen. Während sie später in der DDR in Gefängniskel­lern in Einzelhaft zu verrotten drohte. In der DDR gab es geheime Hinrich­tungen, Mauermorde, Auftragsmorde, Entführung, Folter, Schläge, Lagerhaft, Gefängnishaft, Zwangsarbeit, Zwangs­adoption, Säuglingstötung, Zersetzung, Enteignung – die Liste der Verbrechen ist lang. Von „kommod“ und „Samthand­schuhen“ kann keine Rede sein.

 

„Das wäre keine linke, das wäre eine Täter-Regierung!“

Diese Historie ist schrecklich, aber können Sie nicht verstehen, daß SPD und Grü­ne in Thüringen eben endlich eine linke Regierung auf die Beine bringen wollen?
Diederich: Eine Regierung mit der Lin­ken ist keine linke Regierung, sondern eine Täter-Regierung! Es geht nicht um links oder rechts, sondern um Täter und Opfer – begreift das doch endlich mal!

Warum begreifen wir das nicht?
Diederich: Ich weiß es nicht, aber es ist furchtbar, festzustellen, wie wenig Verständnis es für die Opfersicht gibt. Und daß offenbar die SED, nicht wir Opfer, in dieser Gesellschaft besser ange­kommen ist. Das hätten wir uns niemals träumen lassen.

Ist sich die Gesellschaft dieses Unsolida­rischseins mit den Opfern bewußt?
Diederich: Vermutlich nicht. Das ist die Gedankenlosigkeit. Bei Fernsehdo­kumentationen um 23.30 Uhr wird der Opfer voller Anteilnahme gedacht, aber das hat keinen wirklich durchschlagen­den solidarischen Effekt im Alltag. Da gelten wir schnell als Spinner.

Was fordern Sie? Daß die Linke sich bei den Opfern entschuldigt?
Diederich: Nein, wir wollen keine Ent­schuldigung. Wir wollen, daß die, die uns gequält haben, endlich verschwin­den!

MORITZ SCHWARZ im Interview mit Hugo Diederich

Hugo Diederich ist stellvertretender Bundesvorsitzender der „Vereinigung der Opfer des Stalinismus – Gemeinschaft von Verfolgten und Gegnern des Kommunismus“ (VOS) sowie deren Landesvorsitzender in Berlin. Die VOS ist der Verband ehemaliger Häftlinge in DDR, SBZ und UdSSR.

Wegen Fluchtversuchs saß Diederich elf Monate in DDR-Haft, bevor die Bundesrepublik Deutschland ihn im Juni 1987 freikaufte. Geboren wurde der Diplomkaufmann 1954 im thüringischen Eichsfeld. Ab 2006 führte er den 1990 in Leipzig gegründeten Häftlingsverband „Bund der Stalinistisch Verfolgten“, der 2009 in der VOS aufging. Diese wurde 1950 in West-Berlin von ehemaligen Insassen sowjetischer Speziallager gegründet. Im Internet zu finden unter www.vos-ev.de

 

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